Hybride Formate: Segen oder Fluch? Ein ganz praktischer Erfahrungsbericht

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Quest: 30 Teilnehmer*innen in Corona-Zeiten. Davon dürfen nur 15 zeitgleich im analogen Raum sein. Baue einen nachhaltigen 2-tägigen hybriden Teamworkshop zum Thema „Vertrauen und Selbstführung“. Und zusätzlich erschwerend: Benutze Microsoft Teams!

Ich gestehe: Aus der Welt des Embodiments kommend war meine Skepsis mehr als groß. Hatte ich doch gerade im letzten halben Jahr die virtuellen Räume erkundet und eigene Wege und Formate gefunden, diese Räume lebendig zu gestalten. Daher erschien mir eine Kreuzung der beiden Welten als beinahe unmöglich. Mein Empfinden: Unser Auftrag war die Quadratur des Kreises. Gleichzeitig begriff ich, dass gerade wir als Facilitatorinnen ins Vertrauen gehen musste, um das Unmögliche möglich zu machen: Nämlich die online und onsite Teilnehmer*innen zu einem gemeinsamen hybriden Raum zusammenzuweben.

Mit dabei: Zwei Leinwände (eine Leinwand für die Online Teilnehmer*innen, eine Leinwand für das Graphic Recording und als Flip-Chart-Ersatz). Zwei Beamer. Eine 3D-Kamera. Ein mobiler Laptop auf einem fahrbaren Tisch mit einem sehr guten Mikrofon. Und einem tollen IT Support, der dafür sorgte, dass das Fenster der jeweils Sprechenden auf die große Leinwand gepinnt wurde. Last but not least: Eine wunderbare Kollegin, die wie ich – wenn es sein muss – auch spät abends noch nach gemeinsamen Lösungen ringt.

Ein Schlüssel zum Gelingen war unsere Überzeugung, dass gerade in virtuellen Zeiten das Thema Embodiment eine Rolle spielen muss, damit wir als Menschen ganzheitlich im hybriden Raum dabei sind und das, was wir gemeinsam erarbeiten, in unserem Körpergedächtnis verankern. Gerade Vertrauen – eine der größten Hebel in der Kommunikation – spiegelt sich sehr deutlich in unserer Körperhaltung und lässt sich ganz direkt der non-verbalen Kommunikation eines jeden Menschen ablesen. Einmal im geschützen Raum, lässt sich Vertrauen besprechen und bearbeiten.

Der zweite Schlüssel war das Timing. Wir gaben der Eincheck-Runde zwei Stunden Zeit und machten daraus eine der wichtigsten Sessions des Programmes. Mit einer non-verbalen „Einstiegsgeste“ verbunden „zeigten“ sich die Teilnehmer*Innen, woraufhin das Plenum die Geste „spiegelte“. Damit war der Damm gebrochen und die persönlichen Einstiegsstatements entsprechend außerordentlich persönlich und offen. Zum Timing gehörte auch, ausreichende Zeit für Pausen und kleine moderierte Achtsamkeitsminuten mit Embodiment-Übungen einzuplanen.

Der dritte Schlüssel war das achtsame Mindset, dass alle sich dafür verantwortlich gefühlt haben, dass die Online-Teilnehmer*innen tatsächlich mit „im Raum“ waren, zu Wort kamen und alles mit verfolgen konnten. Verbunden mit einem gemeinsamen Verständnis darüber, dass wir alle fehlerfreundlich, geduldig und kreativ mit den technischen Hick-ups umgehen müssen.

Fazit: Die Veranstaltung wurde entgegen anfänglicher Erwartungen eine berührende gemeinsame Reise ins Vertrauen. Für mich und meine Kollegin war die Vorbereitung um ein Vielfaches aufwendiger als unsere onsite Formate. Gerade weil ich prozessorientiert arbeite, empfand ich es als größte Herausforderung, eine Prozessarchitektur zu bauen, die sich auch auf der technischen Ebene jederzeit aufbrechen und umstellen lässt. Die mangelnde Flexibilität von MS Teams mussten wir Facilitator*innen und alle Teilnehmer*innen durch ein co-kreatives und fehlerfreundliches Mindset und einen hilfbereiten und sehr professionellen IT Support kompensieren. Hinzu kam die Aufgabe, den Focus sowohl auf den dreidimensionalen Raum als auch gleichzeitig auf die zweidimensionale Leinwand zu halten. Neu Synapsen etablierten sich. Es war eine Herausforderung auf allen Ebenen und erfordert von allen Seiten viel Disziplin.

Ob Segen oder Fluch: Hybride Formate sind eine Möglichkeit, dass Menschen sich zumindest teilweise wieder im wahrsten Sinne des Wortes auf einer „Augen-Höhe“ begegnen, was wir bei virtuellen Formaten immer wieder schmerzlich vermissen. Außerdem ist es eine Chance, Menschen aus entfernten Standorten oder Menschen, die Risikogruppen angehören, in einen gemeinsamem Raum zu holen. Und damit Vertrauen zu bauen und Achtsamkeit zu stärken.